Posts Tagged Kurzgeschichte

Date: November 26th, 2009
Cate: Kurzgeschichten

Unverhofft

“Danke für’s herfahren! Und schönen Feierabend!”
“Ja, dir auch!”
“Und grüß schön zu Hause!”
Sie stieg aus dem Auto und machte sich auf den Weg Richtung Bahnhof .
Wie immer war sie froh und glücklich, dass Alexander sie wieder einmal rum
gefahren hat.
Sie durchquerte die Unterführung zu den Gleisen. Auf dem Bahnsteig erkannte sie
viele bekannte Gesichter, die sie von ihren täglichen Fahrten mit der
Bahn kannte, die andere Leseratte, der verwahrloste Typ, die blonde
Barbie.

Sie beobachtete die Menschen, die ihren Weg kreuzten. Sie sah in zwei
blaue Augen und konnte ihren Blick nicht abwenden. Auch die blauen
Augen liessen nicht von ihren ab. Sie waren zusammengeklebt. Auf
einmal spürte sie ein Kribbeln in ihrem Bauch, dass sie seit einer
Ewigkeit nicht mehr gefühlt hatte.
Wer war dieser Typ? Sie sah sein weiches Gesicht, die kurzen Haare,
wieder die blauen Augen.
Vor lauter Scham senkte sie ihren Blick und ging einige Meter weiter.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Er sah gut aus und zeigte
Interesse. Was sollte sie jetzt tun? Sie sah wieder zu ihm hinüber.
Ihre Blicke trafen sich erneut. Seine weichen Lippen zogen sich zu
einem breiten Lächeln. Ihre Lippen verselbständigten sich und
antworteten ebenfalls mit einem Lächeln.
“In wenigen Minuten erhält der Metronom Richtung Hamburg, Abfahrt um 17.28 Uhr, Einfahrt auf Gleis 3. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!”
Ein letzter Blick und der Zug fuhr wie versprochen ein. Kleine
Grüppchen sammelten sich jeweils vor den Türen. Nachdem die Türen
sich geöffnet hatten und die Passagiere ausgestiegen waren, drängten
sich die Menschen in den Zug. Sie nahm den oberen Weg und schaute
verstohlen zur Seite. Er folgte ihr.
Statt wie üblich einen Zweier-Sitzplatz zu besetzen, nahm sie an einem freien
Vierer Platz und wartete ab. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bevor
sie ihn endlich entdeckte.
Er wirkte unentschlossen, sollte, durfte er sich setzen oder sollte er
lieber weiter gehen? Er blickte sie hoffnungsvoll an. Sie fand sein Zögern
anziehend und deutete ihm, dass er sich doch setzen solle.
Wieder schauten sie sich tief und lange in die Augen.
Sie hatten ihr Sprachrohr gefunden.

Kino, Freizeit, Arbeit, Freunde … Sie redeten über alles, was ein
erstes Treffen zu bieten hatte. Er lebte im Süden von Deutschland und
kam eben auf einer Geschäftsreise vorbei. Seine Attraktivität verlor
sich im Gespräch nicht, aber wohl ihr Interesse.
Von Zeit zu Zeit verlor sie sich immer wieder in seinen Augen, seinen
Lippen. Während sie redeten, sich auf und ab bewegten, wuchs der Wunsch in ihr, sie zu küssen, herauszufinden, wie es sich anfühlte. Sie fuhren gerade aus Harburg
heraus Richtung Hamburg, da konnte sie an nichts anderes mehr denken,
als ihn zu küssen.
Als sie ausstiegen, hatte sie ihren Entschluss gefasst.

Sie würde etwas tun, dass ihr allen Mut kostete, den sie aufbringen
konnte und was sie sonst nie tun würde. Sie beugte sich nach vorne,
näherte sich den blauen Augen, den weichen Lippen. Sie hatten die
gesamte Fahrt über danach gebettelt. Sie gab nur nach. Sie schloss
ihre Augen und ihre beiden Lippen berührten sich.
Er wehrte sich nicht und lies es geschehen. Er erwiderte ihren Kuss.
Kurz bevor sie sich in dem Kuss verlor, trennte sie sich von ihm und
sah in sein erstauntes Gesicht.
“Danke schön!”, laechelte sie ihn an und ging.
Sie drehte sich um und lies ihn in dem vollen völlig femden Bahnhof
stehen. Sie hatte bekommen, was sie wollte. Sie hatte es sich einfach genommen.
Mit einem Grinsen im Gesicht fuhr sie die Rolltreppe hinauf und
schaute ihrer Zukunft entgegen.

Date: August 6th, 2009
Cate: Geschichten aus dem Leben, Kurzgeschichten

Eine kleine Geschichte

Es hat sich etwas zugetragen, von dem ich euch erzählen möchte.

Es war in einer Buchhandlung, nicht allzuklein, mit einem breiten Angebot mit tausenden und abertausenden von Büchern. In dieser Buchhandlung gab es raumhohe Regale, mit Taschenbüchern, Hardcovern und Zeitschriften. In den weiten Gängen standen Tische mit ausgelegten Büchern, die besonders schön waren und an denen die Besucher besonderen Gefallen fanden. Wenn man diese Buchhandlung betrat, durchschritt man die Grenze zu einer anderen Welt.

In diese Buchhandlung kamen jeden Tag Hunderte, gar Tausende von Menschen, um sich umzuschauen, sich zu erfreuen, sich selbst etwas gutes zu tun.

An einem Tag geschah es nun, dass ein junger Mann und eine junge Frau diese Buchhandlung betraten. Sie schauten sich um, gingen an den Regalen vorbei, durchsuchten die aufgestellten Tische, bis sie das fanden, was sie suchten. Eine kleine Reihe von Büchern, als Hardcover mit einem roten, verträumten Einband, das schemenhaft eine Frau darstellte.

Die junge Frau nahm eines der Bücher in die Hand, sanft und zärtlich, es legte es in die andere Hand, drehte das Buch einmal in ihren Händen. Es war wunderschön. Sie wollte es. Auf dem unteren Teil der Rückseite erkannte sie den Preis. Sie zweifelte, ob der Preis wirklich gerechtfertigt war. Mit großen, runden, braunen, traurigen Augen schaute sie den jungen Mann an. Ihr Blick verriet es, sie wollte das Buch.

Dann griff sie nach einem anderen Exemplar aus der Reihe der Bücher, auch dieses in Hardcover eingeschlagen, mit grünem, verträumten Einband, das schemenhaft eine Frau darstellte. Wie schon mit dem vorherigen Buch spielte sie damit in ihren Händen. Ihr Blick verriet, ich will es haben. Doch auch hier schreckte sie der Preis wieder ab. Wieder suchten ihre Augen sehnsüchtig das Gesicht des jungen Mannes.

Von der Sehnsucht in den Augen der jungen Frau überwältigt, nahm der junge Mann das Buch aus ihren Händen.

“Ich werde fragen gehen, wann das Buch als Taschenbuch heraus kommt!” Diese Worte erfüllten den Blick der jungen Frau mit Hoffnung und Freude. Schnell drehte sich der junge Mann um und verschwand.

Alleine stand die junge Frau nun an dem Tisch, nahm wieder eines der Bücher in die Hand, drehte es, befühlte es, schaute es sich an, öffnete es und blätterte ein wenig darin herum. Nur knapp konnte sie dem Drang wederstehen, daran zu riechen. Durch ihren Körper drang ein Gefühl der Freude und die Sehnsucht wurde immer größer.

“Das ist viel zu lange, um darauf zu warten!”, sagte auf einmal eine Stimme neben ihr.

“Ja, ne?” Die junge Frau schaute traurig und unglücklich in das Gesicht aus dem die Stimme kam.

Sie drehte sich nach dem jungen Mann um, der gerade wieder an dem Tisch erschien. Blicke der Hoffnung empfingen ihn.

“Das Taschenbuch kommt nicht vor März nächsten Jahres heraus!” Ungläubig schaute sie ihn an.

“Solange kann ich nicht warten!” Die Enttäuschung in ihrer Stimme durchdrang den ganzen Raum.

“Sind sie es wert?”

“Ja! Jede einzelne Zeile!”, antwortete die Stimme und verschwand wieder.

Als ob ein Engel aus dem nichts aufgetaucht und wieder verschwunden wäre. Es war genau das, was die junge Frau hören wollte. Der Funken, der fehlte, um die Bücher sofort mitzunehmen. Jede einzelne Zeile war diesen Preis wert. Es gab keine perfektere Ausrede für den Kauf der Bücher. Glück und Freude durchfuhren die junge Frau. Ihr Gesicht erhellte sich, sie strahlte vor Freude. Glückseelig nahm sie die beiden Bücher in ihre Hände und drückte sie an ihre Brust. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.

Mit den Büchern in ihren Händen ging sie Richtung Kasse. Sie stellte sich an, zog ihr Portemonnaie, übergab freudestrahlend das Geld und bekam dafür das schönste Geschenk an diesem Tag. Keinerlei Reue zeichnete ihr Gesicht. Ihre beiden sehnsüchtig verlangten Bücher hielt sie nun in ihren Händen. Es waren die ihrigen. Sie wusste schon jetzt, dass sie sie lieben würde. Der Tag war für sie gerettet. Federleicht, vor lauter Freude tanzte sie aus der Buchhandlung.

Der Engel schaute ihr nach und lächelte sanft in sich hinein. Kam ihm die Situation doch nur allzu bekannt vor.

Eine Welle des Glücks und der Freude durchschwabbte die Buchhandlung. Die Besucher bahnten sich weiter ihren Weg durch die tausenden von Geschichten, auf der Suche nach der einen, die sie, wie die junge Frau, mit Freude erfüllen würde.

An diesem Tag wurde noch viele, viele weitere Bücher verkauft. Aber keiner der anderen Besucher hinterlies jegliches Gefühl des Glücks, wie die junge Frau.

Ende.

Date: July 27th, 2009
Cate: Kurzgeschichten

Ein vereitelter Selbstmordversuch

Auf meinem sonntäglichen Spaziergang durch das sommerliche Hamburg gab es nichts, was mich auf meine spätere Entdeckung hätte hinweisen können.
Der Sommer hatte endlich die hanseatische Stadt erreicht, die Sonne schien in voller Breite herab, der Regen, der letzten Tage kühlte die Stadt ab.
Ich entschied mich, dem Chaos meiner Wohnung zu entrinnen und dem Tag eine Chance zu geben, mich am Wetter zu erfreuen. Wie so oft lief ich durch den Park hinter meiner Wohnung, nahm die S-Bahn Richtung Innenstadt, ging über den Rathausmarkt, der angereichert war mit Touristen aus aller Welt und Nachbarn, die sich den Tag frei nahmen, um die Sonne zu genießen. Mein Weg führte mich direkt zu Starbucks, um dort einen eisgekühlten, leckeren, sommerlichen Caramel-Frappucino zu mir zu nehmen. Wie oft hatte ich Gott schon dafür gedankt, dass der McDonald’s der Kaffee Fast-Drink-Industrie auch endlich in Hamburg ein zu Hause gefunden hatte.
Mit dem kalten Nass in meiner Hand ging ich weiter Richtung Alster. Hier tummelten sich weitere Menschenmassen in der Sonne. Auf dem Wasser fuhren die Alsterschiffe auf und ab und zeigten den Touristen Hamburg von der schönsten Seite.
Meine entspannte Motivation lies mich kurz verweilen, bevor ich mich weiter in Richtung des nächsten Straßenfestes gleiten lies. Von weitem ertönten Musik und Gelächter. Der Duft von Bratwurst und Flammkuchen durchströmte die Strassen.
Bevor ich mich allerdings ins Getümmel stürzen wollte, pausierte ich noch ein wenig an einem der vielen Alsterkanäle und schlürfte genüsslich die letzten Tropfen meines Frappucinos. Ich schloss die Augen, lies den Kaffee meinen Gaumen kitzeln, genoss die warme Sonne auf meiner Haut, träumte von einer Welt ohne Arbeit. Ich lies meine Gedanken schweifen, als ich mich auf einer Bank nieder lies. Gegenüber küssten sich ein junger Mann und eine junge Frau, ein altes Ehepaar diskutierte über den Vorteil von eingepflanzten Bäumen in übergroßen Blumentöpfen, junge Paare genossen ihre zwei Minuten Pause, bevor es zur nächsten Herausforderung ging. Die Uhr am Rathausturm zeigte zehn Minuten nach halb fünf.
Nichts, aber auch gar nichts, hätte mich an diesem schönen Sommertag in Hamburg zu dem Gedanken veranlasst, dass es etwas auf dieser Welt geben könnte, dass sich des Lebens hier überdrüssig sein könnte.
Da fiel mein Blick auf ein Fahrrad. Es stand dort schon eine Weile, unbemerkt und unscheinbar. In Grautönen lehnte es an der Brüstung und hielt sich fern vom Leben, das es umgab. Sein Vorderrad hatte es bereits über den Zaun geschwungen. Es sah aus, ja, es sah aus, als ob es über die Brüstung klettern und springen wollte. Nur irgendetwas schien es bis jetzt zurückzuhalten. Angst?
Schock durchdrang meinen Körper. Ich sprang auf und sah über den Platz. Aber es war niemand zu sehen, der sich zu dem Fahrrad hätte bekennen könnte. Ich näherte mich und schaute in die Tiefe. Ja, diesen Sprung würde selbst ein Fahrrad nicht überleben. Ich sah es mitleidig an und griff nach dem Lenker, um es abzuhalten.
„Was hast du? Wieso tust du das?“, fragte ich das Fahrrad, aber bekam keine Antwort. Ich spürte, wie das Fahrrad zu weinen anfing. Ich wollte es umarmen, trösten, fühlte mich aber unwohl, in der Öffentlichkeit dieser Gefühlsäußerung Ausdruck zu verleihen.
Ich versuchte das Fahrrad zur Vernunft zu bringen. Ich zerrte am Lenker, um das Vorderrad wieder in Sicherheit zu bringen. Es wehrte sich, sträubte sich, es schrie mich an, es in Ruhe zu lassen. Ich bemerkte, dass es an den Zaun gekettet wurde, was meine Hilfsaktion erschwerte. Das Fahrrad schien sich über meine Entdeckung zu freuen. Es nutze den Moment meiner Unachtsamkeit aus und stürzte sich erneut über die Rehling. Der Kampf begann von neuem. Fast hätte ich das störrische Fahrrad seinem Schicksal überlassen. Doch meine menschliche Überlegenheit gewann den Kampf um Leben und Tod. Ich hievte das Rad über den Zaun und stellte es auf das Pflaster zurück. Als das Rad den sicheren Boden berührte, hätte ich schwören können, ein Keuchen zu hören.
Was konnte das Fahrrad dazu veranlasst haben, diesen Schritt zu gehen? Was musste es erlebt haben, um zu einer so endlichen Entscheidung zu gelangen?
Gut, das Fahrrad war nicht mehr das jüngste. Es trug Spuren eines ereignisreichen Lebens. Die Farbe war an einigen Stellen abgeblättert, es hatte Kratzer über den ganzen Rahmen verteilt. Aber es sah immer noch topfit aus. Lance Armstrong hätte für die Tour de France sicher ein neueres und schnelleres Modell gewählt, aber für den gemeinen Hamburger Studenten hätte das Fahrrad noch mehr als ausgereicht.
Ich sah mich noch einmal um, um seinen Besitzer ausfindig zu machen, aber konnte niemanden erkennen, der sich dem Fahrrad zugehörig fühlte. Da war niemand.
Es überkam mich.
Das Fahrrad fühlte sich einsam. Als ich es mir genauer ansah, konnte ich erkennen, dass es hier schon einige Tage stand. Regentropfen vom letzten Schauer waren am Hinterrad erkennbar, sowie einige verteilte Spinnweben und Rostflecken. Einfach abgestellt und nicht wieder abgeholt. Unbemerkt streichelte ich über den Sattel, wie einem Neugeborenen über den Kopf. Es gab mir ein beruhigendes Gefühl. Ich hoffte, dass es sich auf das Fahrrad übertragen würde.
Was konnte ich jetzt tun? Ich konnte das Fahrrad nicht mitnehmen, denn trotz allem war es immer noch angekettet. Aber konnte ich es hier wirklich seiner Einsamkeit überlassen? Ich dachte an mein Fahrrad zu Hause, im dunklen Keller. Wie würde es sich fühlen, da ich es in letzter Zeit nur zu selten ausfuhr? Würde es sich über Gesellschaft freuen? Was hätten sie sich alles zu erzählen?
Aber hier ging es um den armen Drahtesel zu meinen Füßen. Was konnte ich tun? Ich sah mich um und kam zu dem Entschluss, dass ich hier nicht weiter helfen konnte. Ich hatte mein Bestes gegeben. Mehr konnte ich jetzt einfach nicht weiter machen. Ich beschloss, meinen Weg fortzusetzen und war froh, dass das Fahrrad angekettet war und somit für den nächsten Versuch gesichert war. Das gab mir ein wenig Ruhe gegenüber meinem schlechten Gewissen.
Aber ich konnte auch nichts weiter tun. Ich konnte dem Wunsch des Fahrrads nach Gesellschaft und einem Sinn im Leben nicht nachkommen. Dieses Problem konnte ich nicht zu meinem machen. Es war nicht mein Problem! Ich hatte meine eigene Einsamkeit, meine eigenen Herausforderungen. Ich musste los lassen. Es fiel mir schwer, aber ich musste mich hier vom Fahrrad trennen. Ich versprach, am nächsten Tag noch einmal vorbei zu kommen und nach dem Rechten zu sehen. Aber mehr ging nicht.
Die Uhr zeigte mittlerweile fünf vor fünf an. Es wurde Zeit.
So drehte ich mich um und ging weiter in Richtung Lärm und Bratwurstgeruch. Meiner Einsamkeit würde gleich ein Ende bereitet werden. Ich würde mich mit Freunden treffen, genug Bier trinken, um allen Problemen für den Moment aus dem Weg gehen zu können und dem Tag einen angemessenen Abschluss zu geben.