Archiv für Kategorie Kurzgeschichten

Date: November 26th, 2009
Cate: Kurzgeschichten

Unverhofft

“Danke für’s herfahren! Und schönen Feierabend!”
“Ja, dir auch!”
“Und grüß schön zu Hause!”
Sie stieg aus dem Auto und machte sich auf den Weg Richtung Bahnhof .
Wie immer war sie froh und glücklich, dass Alexander sie wieder einmal rum
gefahren hat.
Sie durchquerte die Unterführung zu den Gleisen. Auf dem Bahnsteig erkannte sie
viele bekannte Gesichter, die sie von ihren täglichen Fahrten mit der
Bahn kannte, die andere Leseratte, der verwahrloste Typ, die blonde
Barbie.

Sie beobachtete die Menschen, die ihren Weg kreuzten. Sie sah in zwei
blaue Augen und konnte ihren Blick nicht abwenden. Auch die blauen
Augen liessen nicht von ihren ab. Sie waren zusammengeklebt. Auf
einmal spürte sie ein Kribbeln in ihrem Bauch, dass sie seit einer
Ewigkeit nicht mehr gefühlt hatte.
Wer war dieser Typ? Sie sah sein weiches Gesicht, die kurzen Haare,
wieder die blauen Augen.
Vor lauter Scham senkte sie ihren Blick und ging einige Meter weiter.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Er sah gut aus und zeigte
Interesse. Was sollte sie jetzt tun? Sie sah wieder zu ihm hinüber.
Ihre Blicke trafen sich erneut. Seine weichen Lippen zogen sich zu
einem breiten Lächeln. Ihre Lippen verselbständigten sich und
antworteten ebenfalls mit einem Lächeln.
“In wenigen Minuten erhält der Metronom Richtung Hamburg, Abfahrt um 17.28 Uhr, Einfahrt auf Gleis 3. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!”
Ein letzter Blick und der Zug fuhr wie versprochen ein. Kleine
Grüppchen sammelten sich jeweils vor den Türen. Nachdem die Türen
sich geöffnet hatten und die Passagiere ausgestiegen waren, drängten
sich die Menschen in den Zug. Sie nahm den oberen Weg und schaute
verstohlen zur Seite. Er folgte ihr.
Statt wie üblich einen Zweier-Sitzplatz zu besetzen, nahm sie an einem freien
Vierer Platz und wartete ab. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bevor
sie ihn endlich entdeckte.
Er wirkte unentschlossen, sollte, durfte er sich setzen oder sollte er
lieber weiter gehen? Er blickte sie hoffnungsvoll an. Sie fand sein Zögern
anziehend und deutete ihm, dass er sich doch setzen solle.
Wieder schauten sie sich tief und lange in die Augen.
Sie hatten ihr Sprachrohr gefunden.

Kino, Freizeit, Arbeit, Freunde … Sie redeten über alles, was ein
erstes Treffen zu bieten hatte. Er lebte im Süden von Deutschland und
kam eben auf einer Geschäftsreise vorbei. Seine Attraktivität verlor
sich im Gespräch nicht, aber wohl ihr Interesse.
Von Zeit zu Zeit verlor sie sich immer wieder in seinen Augen, seinen
Lippen. Während sie redeten, sich auf und ab bewegten, wuchs der Wunsch in ihr, sie zu küssen, herauszufinden, wie es sich anfühlte. Sie fuhren gerade aus Harburg
heraus Richtung Hamburg, da konnte sie an nichts anderes mehr denken,
als ihn zu küssen.
Als sie ausstiegen, hatte sie ihren Entschluss gefasst.

Sie würde etwas tun, dass ihr allen Mut kostete, den sie aufbringen
konnte und was sie sonst nie tun würde. Sie beugte sich nach vorne,
näherte sich den blauen Augen, den weichen Lippen. Sie hatten die
gesamte Fahrt über danach gebettelt. Sie gab nur nach. Sie schloss
ihre Augen und ihre beiden Lippen berührten sich.
Er wehrte sich nicht und lies es geschehen. Er erwiderte ihren Kuss.
Kurz bevor sie sich in dem Kuss verlor, trennte sie sich von ihm und
sah in sein erstauntes Gesicht.
“Danke schön!”, laechelte sie ihn an und ging.
Sie drehte sich um und lies ihn in dem vollen völlig femden Bahnhof
stehen. Sie hatte bekommen, was sie wollte. Sie hatte es sich einfach genommen.
Mit einem Grinsen im Gesicht fuhr sie die Rolltreppe hinauf und
schaute ihrer Zukunft entgegen.

Date: September 17th, 2009
Cate: Persönliches, Rohmaterial

Gut gereimt, ist doppelt gedichtet!

motiviert nach ein paar gereimten gedichten von heiz erhardt, kann sich eine unterhaltung auch einmal anders gestalten! beispiel sieht wie folgt aus:

da saß ein kleiner Kakadu,
ich dacht er wollt nach Katmandu,
doch flog er zu den Bergen hoch,
auf seine Rückkehr wart ich immernoch.

hier sitzt ich in der kiste aus sand
und halte einen brief in der hand
er ist von dem kleinen Kakadu,
aus einem fernen land
so schreibt er von sein´ reisen nun
und hat sonst nix zu tun.
so sitz ich nun in meiner sandkiste
und schreib ihm für souvenirs ne liste

Ich sag dir jetzt  – bis gleich,
denn telenieren muss ich nun;
es wäre für mich hilfreich,
sagtest du mir, wann feierabend du gedenkst zu tun
ich dachte mir, es wäre schön
könnte ich doch nur jetzt schon gehn

das kann ich verstehen

der schmerz im kopf, er ist fast fort
drum bleib ich noch, an diesem ort
um fünf da schlägt die achte stund
drum denk ich mir, es wär g’sund
wäre ich doch einmal richtig klug
und nehme den tollen zug
dass ich um sechs in hamburg bin
ergibt das für dich einen sinn?
das klingt hervorragend für mich,
um sechs am gleis, da seh´ ich dich

sehr schön gedichtet haben wir,
nun müsst es nur noch zu papier
oder auf den blog der feder,
dort sieht es dann ein jeder.
ja, das mach doch mal geschwinde,
sonst ists dahin, in alle winde.

alles klar, bis später dann,
muss nun wieder an die arbeit ran

Ein perfekter Sommerabend

else02Was gibt es besseres, als nach einem beschissenen Tag im Büro nach Hamburg zurückzukehren und in die offenen Arme einer Freundin zu laufen?

Die strahlenden Augen zu erblicken. Sich in ein Cafe mitten in der Stadt zu setzen, etwas zu trinken, zu lachen. Sich zu erfreuen, an den Passanten, den frechen Tauben, den Geschichten der letzten Tage, den Hoffnungen der kommenden Tage.

Und dann packt einem die Lust, “Lass uns nochmal ein wenig schauen gehen!” Nichts ist mehr vor einem sicher. Jegliche Geschäfte reifen zu potentiellen Opfern heran. Der Geist ist offen, die Ideen sind groß.

Man guckt, schaut, spielt, wechselt, redet, diskutiert, drapiert, wedelt, freut sich, ekelt sich, plant, überschlägt, lacht, trifft eine Entscheidung. “Das soll es sein!”

Und kurz bevor man aus dem Geschäft geschmissen wird, “Wir machen jetzt dicht! Bitte nur noch schnell bezahlen. Die Ware wird Ihnen dann zur Kasse gebracht!”, zückt man die EC-Karte und gibt ein Vermögen aus. Glücklich verlässt man durch den letzten offenen Ausgang das Geschäft…

Die Welt liegt einem zu Füßen, wir sind jung, die Nacht sowieso… Es fehlt nur noch eine offene Toilette! Und eine Kleinigkeit zu Essen.

Der Rathausmarkt hält alle Möglichkeiten offen, einen Flammkuchen, etwas zu sitzen, zu sehen, zu entdecken, zu diskutieren, zu lachen, zu träumen, zu wundern, zu verstecken, zu hoffen…

Der Flammkuchen ist gut, aber den Preis nicht wert. Er füllt lange nicht den Magen, aber der erste Hunger ist gestillt. Wir schauen auf das Rathaus und erblicken Dinge, die uns vorher entgangen sind, der goldene Adler auf der Spitze, die Wappen der Bundesländer, das oberste Guckloch, Bilder an der Mauer… Die anderen Besucher schauen sich mit um, entdecken mit uns zusammen Hamburg…

Dann wird es kühler, die Blase drückt, die Nacht bricht herein, der nächste Morgen ruft… Und somit machen wir uns auf … auf den Weg nach Hause.

Wir hinterlassen ein Gefühl des Glücks und der Freude im anderen. Wir verabschieden uns mit den Worten, “Das müssen wir bald wieder machen!”. Und sinken ins Kopfkissen und beenden den Tag mit den schönsten Träumen…

Date: August 6th, 2009
Cate: Geschichten aus dem Leben, Kurzgeschichten

Eine kleine Geschichte

Es hat sich etwas zugetragen, von dem ich euch erzählen möchte.

Es war in einer Buchhandlung, nicht allzuklein, mit einem breiten Angebot mit tausenden und abertausenden von Büchern. In dieser Buchhandlung gab es raumhohe Regale, mit Taschenbüchern, Hardcovern und Zeitschriften. In den weiten Gängen standen Tische mit ausgelegten Büchern, die besonders schön waren und an denen die Besucher besonderen Gefallen fanden. Wenn man diese Buchhandlung betrat, durchschritt man die Grenze zu einer anderen Welt.

In diese Buchhandlung kamen jeden Tag Hunderte, gar Tausende von Menschen, um sich umzuschauen, sich zu erfreuen, sich selbst etwas gutes zu tun.

An einem Tag geschah es nun, dass ein junger Mann und eine junge Frau diese Buchhandlung betraten. Sie schauten sich um, gingen an den Regalen vorbei, durchsuchten die aufgestellten Tische, bis sie das fanden, was sie suchten. Eine kleine Reihe von Büchern, als Hardcover mit einem roten, verträumten Einband, das schemenhaft eine Frau darstellte.

Die junge Frau nahm eines der Bücher in die Hand, sanft und zärtlich, es legte es in die andere Hand, drehte das Buch einmal in ihren Händen. Es war wunderschön. Sie wollte es. Auf dem unteren Teil der Rückseite erkannte sie den Preis. Sie zweifelte, ob der Preis wirklich gerechtfertigt war. Mit großen, runden, braunen, traurigen Augen schaute sie den jungen Mann an. Ihr Blick verriet es, sie wollte das Buch.

Dann griff sie nach einem anderen Exemplar aus der Reihe der Bücher, auch dieses in Hardcover eingeschlagen, mit grünem, verträumten Einband, das schemenhaft eine Frau darstellte. Wie schon mit dem vorherigen Buch spielte sie damit in ihren Händen. Ihr Blick verriet, ich will es haben. Doch auch hier schreckte sie der Preis wieder ab. Wieder suchten ihre Augen sehnsüchtig das Gesicht des jungen Mannes.

Von der Sehnsucht in den Augen der jungen Frau überwältigt, nahm der junge Mann das Buch aus ihren Händen.

“Ich werde fragen gehen, wann das Buch als Taschenbuch heraus kommt!” Diese Worte erfüllten den Blick der jungen Frau mit Hoffnung und Freude. Schnell drehte sich der junge Mann um und verschwand.

Alleine stand die junge Frau nun an dem Tisch, nahm wieder eines der Bücher in die Hand, drehte es, befühlte es, schaute es sich an, öffnete es und blätterte ein wenig darin herum. Nur knapp konnte sie dem Drang wederstehen, daran zu riechen. Durch ihren Körper drang ein Gefühl der Freude und die Sehnsucht wurde immer größer.

“Das ist viel zu lange, um darauf zu warten!”, sagte auf einmal eine Stimme neben ihr.

“Ja, ne?” Die junge Frau schaute traurig und unglücklich in das Gesicht aus dem die Stimme kam.

Sie drehte sich nach dem jungen Mann um, der gerade wieder an dem Tisch erschien. Blicke der Hoffnung empfingen ihn.

“Das Taschenbuch kommt nicht vor März nächsten Jahres heraus!” Ungläubig schaute sie ihn an.

“Solange kann ich nicht warten!” Die Enttäuschung in ihrer Stimme durchdrang den ganzen Raum.

“Sind sie es wert?”

“Ja! Jede einzelne Zeile!”, antwortete die Stimme und verschwand wieder.

Als ob ein Engel aus dem nichts aufgetaucht und wieder verschwunden wäre. Es war genau das, was die junge Frau hören wollte. Der Funken, der fehlte, um die Bücher sofort mitzunehmen. Jede einzelne Zeile war diesen Preis wert. Es gab keine perfektere Ausrede für den Kauf der Bücher. Glück und Freude durchfuhren die junge Frau. Ihr Gesicht erhellte sich, sie strahlte vor Freude. Glückseelig nahm sie die beiden Bücher in ihre Hände und drückte sie an ihre Brust. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.

Mit den Büchern in ihren Händen ging sie Richtung Kasse. Sie stellte sich an, zog ihr Portemonnaie, übergab freudestrahlend das Geld und bekam dafür das schönste Geschenk an diesem Tag. Keinerlei Reue zeichnete ihr Gesicht. Ihre beiden sehnsüchtig verlangten Bücher hielt sie nun in ihren Händen. Es waren die ihrigen. Sie wusste schon jetzt, dass sie sie lieben würde. Der Tag war für sie gerettet. Federleicht, vor lauter Freude tanzte sie aus der Buchhandlung.

Der Engel schaute ihr nach und lächelte sanft in sich hinein. Kam ihm die Situation doch nur allzu bekannt vor.

Eine Welle des Glücks und der Freude durchschwabbte die Buchhandlung. Die Besucher bahnten sich weiter ihren Weg durch die tausenden von Geschichten, auf der Suche nach der einen, die sie, wie die junge Frau, mit Freude erfüllen würde.

An diesem Tag wurde noch viele, viele weitere Bücher verkauft. Aber keiner der anderen Besucher hinterlies jegliches Gefühl des Glücks, wie die junge Frau.

Ende.

Date: July 27th, 2009
Cate: Kurzgeschichten

Ein vereitelter Selbstmordversuch

Auf meinem sonntäglichen Spaziergang durch das sommerliche Hamburg gab es nichts, was mich auf meine spätere Entdeckung hätte hinweisen können.
Der Sommer hatte endlich die hanseatische Stadt erreicht, die Sonne schien in voller Breite herab, der Regen, der letzten Tage kühlte die Stadt ab.
Ich entschied mich, dem Chaos meiner Wohnung zu entrinnen und dem Tag eine Chance zu geben, mich am Wetter zu erfreuen. Wie so oft lief ich durch den Park hinter meiner Wohnung, nahm die S-Bahn Richtung Innenstadt, ging über den Rathausmarkt, der angereichert war mit Touristen aus aller Welt und Nachbarn, die sich den Tag frei nahmen, um die Sonne zu genießen. Mein Weg führte mich direkt zu Starbucks, um dort einen eisgekühlten, leckeren, sommerlichen Caramel-Frappucino zu mir zu nehmen. Wie oft hatte ich Gott schon dafür gedankt, dass der McDonald’s der Kaffee Fast-Drink-Industrie auch endlich in Hamburg ein zu Hause gefunden hatte.
Mit dem kalten Nass in meiner Hand ging ich weiter Richtung Alster. Hier tummelten sich weitere Menschenmassen in der Sonne. Auf dem Wasser fuhren die Alsterschiffe auf und ab und zeigten den Touristen Hamburg von der schönsten Seite.
Meine entspannte Motivation lies mich kurz verweilen, bevor ich mich weiter in Richtung des nächsten Straßenfestes gleiten lies. Von weitem ertönten Musik und Gelächter. Der Duft von Bratwurst und Flammkuchen durchströmte die Strassen.
Bevor ich mich allerdings ins Getümmel stürzen wollte, pausierte ich noch ein wenig an einem der vielen Alsterkanäle und schlürfte genüsslich die letzten Tropfen meines Frappucinos. Ich schloss die Augen, lies den Kaffee meinen Gaumen kitzeln, genoss die warme Sonne auf meiner Haut, träumte von einer Welt ohne Arbeit. Ich lies meine Gedanken schweifen, als ich mich auf einer Bank nieder lies. Gegenüber küssten sich ein junger Mann und eine junge Frau, ein altes Ehepaar diskutierte über den Vorteil von eingepflanzten Bäumen in übergroßen Blumentöpfen, junge Paare genossen ihre zwei Minuten Pause, bevor es zur nächsten Herausforderung ging. Die Uhr am Rathausturm zeigte zehn Minuten nach halb fünf.
Nichts, aber auch gar nichts, hätte mich an diesem schönen Sommertag in Hamburg zu dem Gedanken veranlasst, dass es etwas auf dieser Welt geben könnte, dass sich des Lebens hier überdrüssig sein könnte.
Da fiel mein Blick auf ein Fahrrad. Es stand dort schon eine Weile, unbemerkt und unscheinbar. In Grautönen lehnte es an der Brüstung und hielt sich fern vom Leben, das es umgab. Sein Vorderrad hatte es bereits über den Zaun geschwungen. Es sah aus, ja, es sah aus, als ob es über die Brüstung klettern und springen wollte. Nur irgendetwas schien es bis jetzt zurückzuhalten. Angst?
Schock durchdrang meinen Körper. Ich sprang auf und sah über den Platz. Aber es war niemand zu sehen, der sich zu dem Fahrrad hätte bekennen könnte. Ich näherte mich und schaute in die Tiefe. Ja, diesen Sprung würde selbst ein Fahrrad nicht überleben. Ich sah es mitleidig an und griff nach dem Lenker, um es abzuhalten.
„Was hast du? Wieso tust du das?“, fragte ich das Fahrrad, aber bekam keine Antwort. Ich spürte, wie das Fahrrad zu weinen anfing. Ich wollte es umarmen, trösten, fühlte mich aber unwohl, in der Öffentlichkeit dieser Gefühlsäußerung Ausdruck zu verleihen.
Ich versuchte das Fahrrad zur Vernunft zu bringen. Ich zerrte am Lenker, um das Vorderrad wieder in Sicherheit zu bringen. Es wehrte sich, sträubte sich, es schrie mich an, es in Ruhe zu lassen. Ich bemerkte, dass es an den Zaun gekettet wurde, was meine Hilfsaktion erschwerte. Das Fahrrad schien sich über meine Entdeckung zu freuen. Es nutze den Moment meiner Unachtsamkeit aus und stürzte sich erneut über die Rehling. Der Kampf begann von neuem. Fast hätte ich das störrische Fahrrad seinem Schicksal überlassen. Doch meine menschliche Überlegenheit gewann den Kampf um Leben und Tod. Ich hievte das Rad über den Zaun und stellte es auf das Pflaster zurück. Als das Rad den sicheren Boden berührte, hätte ich schwören können, ein Keuchen zu hören.
Was konnte das Fahrrad dazu veranlasst haben, diesen Schritt zu gehen? Was musste es erlebt haben, um zu einer so endlichen Entscheidung zu gelangen?
Gut, das Fahrrad war nicht mehr das jüngste. Es trug Spuren eines ereignisreichen Lebens. Die Farbe war an einigen Stellen abgeblättert, es hatte Kratzer über den ganzen Rahmen verteilt. Aber es sah immer noch topfit aus. Lance Armstrong hätte für die Tour de France sicher ein neueres und schnelleres Modell gewählt, aber für den gemeinen Hamburger Studenten hätte das Fahrrad noch mehr als ausgereicht.
Ich sah mich noch einmal um, um seinen Besitzer ausfindig zu machen, aber konnte niemanden erkennen, der sich dem Fahrrad zugehörig fühlte. Da war niemand.
Es überkam mich.
Das Fahrrad fühlte sich einsam. Als ich es mir genauer ansah, konnte ich erkennen, dass es hier schon einige Tage stand. Regentropfen vom letzten Schauer waren am Hinterrad erkennbar, sowie einige verteilte Spinnweben und Rostflecken. Einfach abgestellt und nicht wieder abgeholt. Unbemerkt streichelte ich über den Sattel, wie einem Neugeborenen über den Kopf. Es gab mir ein beruhigendes Gefühl. Ich hoffte, dass es sich auf das Fahrrad übertragen würde.
Was konnte ich jetzt tun? Ich konnte das Fahrrad nicht mitnehmen, denn trotz allem war es immer noch angekettet. Aber konnte ich es hier wirklich seiner Einsamkeit überlassen? Ich dachte an mein Fahrrad zu Hause, im dunklen Keller. Wie würde es sich fühlen, da ich es in letzter Zeit nur zu selten ausfuhr? Würde es sich über Gesellschaft freuen? Was hätten sie sich alles zu erzählen?
Aber hier ging es um den armen Drahtesel zu meinen Füßen. Was konnte ich tun? Ich sah mich um und kam zu dem Entschluss, dass ich hier nicht weiter helfen konnte. Ich hatte mein Bestes gegeben. Mehr konnte ich jetzt einfach nicht weiter machen. Ich beschloss, meinen Weg fortzusetzen und war froh, dass das Fahrrad angekettet war und somit für den nächsten Versuch gesichert war. Das gab mir ein wenig Ruhe gegenüber meinem schlechten Gewissen.
Aber ich konnte auch nichts weiter tun. Ich konnte dem Wunsch des Fahrrads nach Gesellschaft und einem Sinn im Leben nicht nachkommen. Dieses Problem konnte ich nicht zu meinem machen. Es war nicht mein Problem! Ich hatte meine eigene Einsamkeit, meine eigenen Herausforderungen. Ich musste los lassen. Es fiel mir schwer, aber ich musste mich hier vom Fahrrad trennen. Ich versprach, am nächsten Tag noch einmal vorbei zu kommen und nach dem Rechten zu sehen. Aber mehr ging nicht.
Die Uhr zeigte mittlerweile fünf vor fünf an. Es wurde Zeit.
So drehte ich mich um und ging weiter in Richtung Lärm und Bratwurstgeruch. Meiner Einsamkeit würde gleich ein Ende bereitet werden. Ich würde mich mit Freunden treffen, genug Bier trinken, um allen Problemen für den Moment aus dem Weg gehen zu können und dem Tag einen angemessenen Abschluss zu geben.

Date: January 3rd, 2009
Cate: Kurzgeschichten
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Wie lange wird es dauern?

Wenn ich jetzt gehen würde, wie lange würde es dauern, bis die Menschen merken, dass ich weg bin? Wie lange würde es dauern, bis sie sagen, „Sie ist gegangen!“.
Was würde ich zurücklassen? Nachbarn, die endlich einen neuen Mitbewohner bekommen, der täglich den Flur reinigt und jedes Wochenende die Fenster putzt. Ein Chef, der endlich seine Arbeitsmaschine bekommt, die von morgens bis abends arbeitet, keine Pinkelpausen einlegt und die anderen Kollegen vom arbeiten abhält, jemanden der stumpf die Anforderungen abarbeitet. Freunde können nachts endlich durchschlafen, werden nicht von hysterischen Anrufen geweckt und müssen Jugendherberge spielen, wenn der Kummer mal wieder zu groß geworden oder der Schlüssel im Nirgendwo liegen gelassen wurde.
Aber was ist mit der Person, die euch verlassen wird? Wird man die Person vermissen? Ihr ansteckendes Lachen, ihren Witz, ihre Spontanietät, die irrwitzigen Einfälle, die Begeisterung für alles und nichts, die Reden von Licht und Dunkelheit, die Träume, die Naivität, die Liebe in ihrem Herzen, ihre Großmütigkeit, ihr Wesen.
Wie lange würde es dauern?
Wie lange würde es dauern, bis ich eine neue Heimat gefunden habe? Werde ich dort nicht die gleiche sein? Eingeschüchtert, ängstlich, träumerisch, … Oder werde ich dort eine andere werden? Weil man mich mit offenen Armen empfängt, mich annimmt, mich ausquetscht, mir meinen Freiraum und meine Eigenheiten lässt?
Das Leben hier treibt mich davon. Ich halte es hier nicht mehr aus. Ich verliere das Oberwasser. Nur wie wird es da drüben sein? Da drüben, wo die Wiesen grüner und der Himmel blauer sind? Was werde ich sehen, wenn ich zurück blicke? Wird es auch da drüben sein? Mit saftigen grünen Wiesen und himmelblauem Horizont? Oder halten die Wiese und der Himmel was sie versprechen? Ein schöneres Leben voller Farbe und Schönheit? Kann ich meine Einsamkeit dort überwinden? Was wird mich erwarten?

Ich packe meine Sachen in meinen Koffer. Ich nehme mir mein Kuschelkissen, drücke es fest an mich, sehe mich um. Für dieses Leben hier habe ich nichts mehr zu geben. Meine Kraft ist am Ende, die Erwartungen sind enttäuscht, Hoffnungen verloren. Ich hinterlasse eine leere Wohnung und steige in mein Auto. Ich wollte schon immer einmal wissen, wie weit mich dieses rote Wunder auf vier Rädern noch bringt. Ich wollte schon immer einmal ans Mittelmeer, nach Frankreich. Mein Auto und ich. Das Leben liegt vor mir, der Tod hinter mir. Als ich meinen Schlüssel ins Zündschloss stecke und ihn umdrehe, spüre ich, wie mir die Steine reihenweise vom Herz fallen. Je weiter ich mich von meinem alten Leben entferne, umso mehr spüre ich, wie neues Leben in mir erwacht, wie eine kleine Knospe erblüht und nach Leben schreit, um wachsen zu können. Nach Liebe, Sehnsucht, Träumen, wahr gewordenen und welche, die noch darauf warten, wahr zu werden, nach Wein, dem Meer und der Sonne.
Ich habe mich von allen verabschiedet, versprochen zu schreiben, anzurufen.
Wie lange wird es dauern, bis man mich vergisst, die Briefe versiegen, die Telefonate ausbleiben?
So ist das Leben nun einmal. Man lebt sein Leben weiter, man schaut voraus, nicht zurück, man denkt nicht an die Verlorengegangenen, die die gegangen sind. Man bleibt zurück und geht doch voran…

Mein Weg führt mich zur Sonne und zum Meer. Und wie ich so aufs Wasser hinausschaue, denke ich an die, die ich zurückgelassen habe, meine Freunde, die Familie, meine Kollegen, meine Nachbarn. Ich weiß, dass sie mich vermissen werden. Aber das ist ihr Schmerz und nicht meiner. Ich gehe meinen Weg und folge meinen Träumen. Zu lange habe ich für sie gelebt und bin dabei einen kleinen Tod gestorben. Aber jetzt, hier, schaue ich aufs Meer und fühle mich frei, am Leben. Die Knospe in mir erblüht mit jedem weiteren Kilometer, den ich auf meinem Weg zurücklege. Und mit ihr erblühe ich. Ich öffne meine Arme, ich schreie, ich lache, ich weine, ich werde von neuem geboren und heiße mein Leben willkommen…

Date: January 2nd, 2009
Cate: Kurzgeschichten

Nein Danke

„Nein, danke!“ Das war alles.
„Nein, danke!“ Ach nein, ich enthalte dem Leser hier etwas vor. Dazu gab es noch ein gequältes Lächeln. Fast hätte man es ihr abgenommen.
„Nein, danke!“ Sie drehte sich um und ging. Der geneigte Beobachter verstand es nicht, fragte sich,
„Was stimmt hier nicht?“ Waren es seine Haare? Der Gang? Das Outfit? Oder einfach nur das charmanteste Lächeln, welches wir seit der Erfindung des Automobils gesehen haben?
„Nein, danke!“ Dieser Satz wird uns für die nächsten Minuten nicht mehr aus dem Kopf gehen. Er reichte ihr, wie man es auf der besseren Schule lernte, den Mantel.
„Nein, danke!“
Sie nahm ihn, zog ihn wortlos an, lächelte gequält, wickelte sich den Schal um den Hals, öffnete selbst die Tür und war verschwunden.
Hatte sie seinen durchdringenden Blick bemerkt, er die Augen, die ihn den ganzen Abend suchten und fanden? Waren die Komplimente zuviel, die Antworten zu schlagfertig? Hatte sie sich in den tiefen blauen Augen verloren oder er sich in den weiblichen Rundungen?
„Nein, danke!“ Der Beobachter bleibt zurück und fragt sich, woran diese zarte Liebe scheitern musste. Man spürte ihre Anwesenheit im Raum, bemerkte den leichten Anflug von Glück, wenn er sich ihrem Tisch näherte.
Aber alles was blieb, war ein
„Nein, danke!“ ohne jegliche Erklärung. Doch voller Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit.

Date: December 10th, 2008
Cate: Kurzgeschichten
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Zug fahren

Ich bin kein Zugfahrer. Nein, ich bin mit Leib und Seele Autofahrer. Da können mir auch die hohen Benzinpreise nichts anhaben. Denn schließlich braucht mein geliebtes Auto, wie ich ja auch, Nahrung und Energie zur  Fortbewegung. Und da gibt es stets nur das Beste.
Doch gestern ist etwas Schreckliches passiert, mein armer Liebling ist krank geworden und musste in die Werkstatt, ach, was für ein schrecklicher Name, Werkstatt. Werkstatt, das klingt so gewöhnlich, lassen Sie es mich Wellnesstempel für Autos nennen. Ja, das hört sich schon besser an.
Und so sitze ich gerade im Zug auf dem Weg zur Arbeit. Ich bin seit Jahren kein Zug mehr gefahren. Vor lauter Anspannung konnte ich heute Morgen schon nichts runterkriegen und so liegt mein Kreislauf schon mal im Keller. Und dann sitze ich jetzt hier und warte auf die Abfahrt. Wann geht es endlich los? Ich schaue mich um. Wir sind doch alle da.
Dann wird es durchgesagt, die Abfahrt verzögert sich noch um einige Momente. Was meinen sie denn damit? Was sind einige Momente? Sekunden, Minuten, Stunden, Tage? Panik steigt in mir auf. Ich sehne mich zurück in mein Auto. Da steige ich ein und fahre los. Da muss ich nicht auf andere warten, um endlich zu starten. Schlüssel ins Zündschloss, umdrehen und ab geht die Post. Hier wartet man auf den Zug, wartet darauf, dass alle ausgestiegen sind, wartet, dass andere Passagiere vor einem endlich ihren Platz gefunden haben, man wartet auf die Abfahrt. Dieses ständige Warten! Und was ist mit der Sicherheit? Ich kam hier rein, suchte mir einen Platz, setzte mich hin und wollte mich anschnallen. Aber nichts. Voller Panik suchte ich meinen Gurt. Nichts. Ich wechselte den Platz. Da war auch kein Gurt. Wo sind hier die Gurte?
Also wartete ich wieder. Ich fing an, ein Lied zu summen. Das ich jetzt hier nicht laut mitsingen konnte, wie ich es jeden Morgen in meinem Auto tat, soweit war ich aufgeklärt, aber das ich beim bloßen Summen böse Blicke ernten würde, das hatte man mir nicht gesagt. Ich lehnte mich beleidigt in meinen Sitz zurück. Ich vermisste meinen Liebling und wartete weiter.
Als der Zug dann endlich los fährt, fühle ich mich wie im Freiflug, raus aus dem sicheren Bahnhof und mit 160 gegen die Mauer. Und es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte. Die Bäume und Häuser fliegen an mir vorbei. Ich schließe die Augen und warte auf den Aufprall. Total verkrampft umklammere ich meine Sitzgriffe. Wie würde sich das wohl Anfühlen, wenn der Zug gegen eine Mauer knallen würde oder gar vom Weg abkommt?
„Guten Morgen, die Fahrkarten bitte!“, erklingt eine freundliche, helle Stimme neben mir. Wie kann man so früh am Morgen nur schon so gut drauf sein? Ich sehe in ein Porzellangesicht. Wie bekommt sie das hin, so frisch und gut auszusehen? Um sieben Uhr morgens in aller Frühe? Ich hasse Zug fahren!
Jetzt gebe ich die Wartekarte an das feindliche Lager ab. Die Fahrkarte. Wo habe ich sie nur gelassen? Ich hatte mir vorhin am Schalter nach 20 Minuten anstehen und warten eines gekauft und es dann in meine Tasche gesteckt. Wo war dieser verdammte Zettel jetzt? Ich durchsuche meine gesamte Tasche. Aber ich kann nichts finden. Ich schütte den Inhalt meiner Tasche auf meinem Beifahrersitz aus.
Die Zugbegleiterin fängt an, ungeduldig zu werden. Sie tippelt von einem Bein aufs andere, was mich noch nervöser macht. Ich durchsuche mein Portemonnaie. Wo ist dieses blöde Ticket nur hin? Das wollte sicher auch keinen Zug fahren und ist gleich im Bahnhof geblieben. Gute Entscheidung! Wieso hatte ich es ihm nicht gleich getan? Wieso hatte ich mir heute keinen Tag Urlaub genommen? Wieso tat ich mir das hier alles an?
Ich sehe aus dem Fenster. In dem Moment fährt der Zug in einen Tunnel und es gibt einen großen Knall in meinen Ohren. Ich erschrecke mich furchtbar und zucke zusammen. Dabei fällt mein Buch, welches ich die ganze Zeit auf meinem Schoss liegen hatte, runter. Und sehe, wie meine Fahrkarte aus dem Buch segelt. Jetzt fällt es mir wieder ein, ich hatte die Fahrkarte in mein Buch gesteckt, damit ich sie gleich zur Hand hatte, wenn die Zugbegleiterin kam. Ich haue mir mit der Hand gegen die Stirn und lache sie an, erfreut über meine Entdeckung.
„So etwas Dummes aber auch. Hier ist sie ja!“ Sie presst nur ein gequältes Lächeln hervor und geht weiter. „Die Fahrkarten bitte.“
Ich lehne mich zurück und versuche zu entspannen. Das fällt mir allerdings immer noch ziemlich schwer. Ich sehe mich ein wenig um. Wie schaffen es diese Leute nur, so entspannt zu sein oder zumindest so zu wirken? Sie plaudern munter mit ihren Nachbarn, sie lesen oder hören Musik. Eine meiner Mitfahrerinnen hat sogar die Augen geschlossen und scheint zu schlafen. Ich sollte meinen Mund wieder zu machen. Ansonsten könnte ich noch weiter unangenehm auffallen.
Noch 16 Minuten.
„Meine Damen und Herren, wir bitten um ihre Aufmerksamkeit. Aufgrund eines Personenschadens auf der Strecke, hält dieser Zug an unserem nächsten planmäßigen Halt. Wir bitten Sie, dann alle auszusteigen. Es wird ein Ersatzverkehr für Sie zur Verfügung gestellt, der Sie dann zum nächsten Bahnhof bringt.“ BITTE WAS?????? „Ich wiederhole noch einmal.“ Ja, da bitte ich aber drum. Ich habe mich gerade verhört. Panisch schaue ich mich um. „ Aufgrund eines Personenschadens auf der Strecke, hält dieser Zug an unserem nächsten planmäßigen Halt. Wir bitten Sie, dann alle auszusteigen. Es wird ein Ersatzverkehr für Sie zur Verfügung gestellt, der Sie dann zum nächsten Bahnhof bringt.“ NEIN!!!!, das kann doch nicht wahr sein. Vereinzelnd höre ich einige Fahrgäste fluchen, lachen, nichts sagen. Die anderen scheinen genau das gleiche verstanden zu haben. Aber um sicher zu gehen, spreche ich den Herren vor mir an.
„Entschuldigen Sie bitte, habe ich das gerade richtig verstanden? Wir müssen am nächsten Bahnhof aussteigen und dann …? Ja was dann? Wie kommen wir dann weiter?“
„Genau. Ab da wird es dann wohl mit dem Bus weiter gehen. Mal schauen was …“ Den Rest höre ich schon gar nicht mehr. Entsetzt und kurz vor einem Zusammenbruch lasse ich mich zurück in meinen Sitz fallen. Wie soll es denn jetzt weiter gehen? Wie sollen wir alle in einen Bus passen? Wieso muss so etwas mir passieren, ausgerechnet heute, wenn ich einmal mit dem Zug fahre. Ich sehe zu der jungen Frau, die immer noch ihre Augen geschlossen hat und schläft. Sie hat es gut. Sie schläft friedlich und fest und ahnt noch nicht, dass ihre Ruhe bald ein böses Ende haben wird.
Mitten im nirgendwo werden wir ausgesetzt und unserem Schicksal überlassen. Hunderte von Menschen zwängen sich auf einen viel zu kleinen Bahnhof und warten auf weitere Anforderungen. Ich schaue auf meine Uhr. Ich werde zu spät zur Arbeit kommen. Ich bin am überlegen, ob ich anrufen sollte. Ob es schon zu spät ist, doch noch einen Tag Urlaub einzulegen? Nein, gleich wird sicher der Bus kommen und uns weiter Richtung Ziel bringen. Positiv denken!
5 Minuten vergehen, 10 Minuten, 15, 20. Ich schaue mich um, immer noch kein Zug in Sicht. Ein etwas ungeduldigerer Fahrgast als ich kommt gerade verärgert aus dem Bahnhofsgebäude.
„Das ist doch wohl eine Frechheit. Sie werden uns keine Busse schicken. Wir sollen auf den nächsten Zug warten.“ Hunderte Augenpaare schauen zur Anzeige hinauf. Der nächste Zug fährt in ungefähr 30 Minuten, allerdings schon jetzt mit einer unbestimmten Zeit an Verspätung. Ein Raunen geht durch die Menge. Unsicher beäuge ich meine Nachbarn. Angst steigt in mir auf, dass die Menge zu einem wütenden Mob mutiert und hier alles kurz und klein schlägt.
Ich brauche ungedingt einen Kaffee.
Ich bahne mir einen Weg durch die Massen zum Inneren des Bahnhofsgebäudes. Drinnen sieht es nicht wirklich besser aus. Die Menschen, die draußen keinen Platz mehr bekommen haben, haben es sich hier drinnen gemütlich gemacht. Das Bild gleicht dem Ansturm morgens bei Aldi, wenn es wieder den neuesten Computer für unter 900 Euro gibt. Nur das hier kein Supermarkt in der Nähe ist, der auch nur annähernd etwas zu verkaufen hätte. Ich schaue mich um und erblicke auch schon gleich meinen Ort der Begierde, ein kleines Cafe.
„Entschuldigen Sie bitte, darf ich einmal kurz durch?“ „Vielen Dank!“ „Entschuldigen Sie!“ „Entschuldigung!“ „Danke!“ „Ähm…!“ Nach einer gefühlten halbe Stunde habe ich es endlich geschafft, ich bin am Tresen angelangt und kann mir endlich meinen Kaffee bestellen. Wenn die hier jetzt keinen Kaffee mehr haben, dann muss ich nicht mehr Angst vor dem Mob haben, sondern er Angst vor mir.
„Einen Kaffee. Groß und Schwarz!“
„3,50 Euro bitte!“ Wie bitte, was? Das war doch wohl ein Scherz! Ich muss mich verhört haben. Anscheinend nicht, denn die Verkäuferin lächelt mich an und reicht mir ihre offene Hand. 3,50 Euro? Hat die junge Dame ein Glück, dass ich jetzt alles geben würde, für einen Kaffee. Die Verkäuferin macht es aber auch genau richtig, hier stehen hunderte verzweifelter Menschen im Nirgendwo, warten auf Erlösung und sie wittert das Geschäft ihres Lebens. Warum nicht? Ich würde es wohl genauso machen.
Sie reicht mir einen Becher mit dampfend heißem Kaffee. Hoffentlich ist der Kaffee wenigstens sein Geld wert. Duften tut er schon einmal wunderbar. Ich nippe vorsichtig und verbrenne mir die Zunge. Nachdem ich meine Geschmacksnerven neutralisiert habe, bleibt nur noch eines zu sagen, der Kaffee ist super.
Noch einen Kaffee später und mindestens zwanzig neuer Kontakte für den nächsten Kuschelcontest, ertönt endlich die erlösende Ansage.
„In wenigen Minuten erhält der Metronom Einfahrt. Fahrgäste, die aufgrund des Personenschadens hier Aufenthalt hatten, möchten wir bitten, diesen Zug zu nehmen. Die Strecke wird in den nächsten Momenten wieder freigegeben.“ Da ist es wieder, dieses Wort, Moment. Was mag das schon wieder heißen? Und wie hat sich diese Dame das bitte vorgestellt? Wie sollen diese Hundertschaften alle in den nächsten Zug passen? Der wird ja sicher schon gefüllt sein, mit den aktuellen Fahrgästen. Wie?
Aber es hilft alles nichts, ich muss in den Zug rein und zur Arbeit. Immerhin habe ich jetzt schon mindestens knapp eine Stunde Verspätung. Einer Vorahnung folgend, drängele ich mir meinen Weg zurück auf den Bahnsteig und so nah wie möglich an die Gleise und hoffentlich in die Nähe einer Tür.
Es werden allerdings weitere 14 Minuten bis endlich der Zug einfährt. Ich hasse Zug fahren. Hatte ich das heute schon erwähnt? Ich will mein Auto zurück. Vielleicht sollte ich mal im Wellnesstempel anrufen und nachfragen, wie es meiner kleinen Süßen geht. Ich hoffe nur, dass sie sie gut behandeln. In meinen Träumen wird sie gerade mit einer Ladung Schaum massiert. Weiche Lappen polieren heißes Wachs auf die Karosse. Ein Staubsauger entfernt die letzten Körnchen Staub aus dem Innenraum. Ein Mechaniker…
Als der Zug einfährt, werde ich aus meinen Träumen gerissen. Die Türen gehen auf und alle drängen sich in die viel zu kleinen Eingänge. Ich habe zum Glück einen Platz gleich neben der Tür ergattert und kann mich als eine der Ersten in den Zug quetschen. Der Run auf die besten Plätze beginnt. Ich entscheide mich für den oberen Weg und nehme mir gleich den erstbesten Platz. Ich fühle mich ein wenig in meine Kindheit zurückversetzt, als wir auf Geburtstagen und Kinderpartys die Reise nach Jerusalem spielten. Ich war schon damals immer gut in dem Spiel und erkämpfte mir eisern bis zum Schluss den Stuhl. Auch wenn ich ab und an schon mal über Leichen gehen musste. Nur wer hier keinen Platz ergattern kann, muss in diesem Kaff bleiben und womöglich noch eine Stunde auf den nächsten Zug warten, nur um dort auch wieder keinen Platz zu bekommen.
Der Zug fährt los und für den Rest meiner Reise sitze ich verspannt auf meinem Sitz. Man hätte Flaschen mit meinen steifen Fingern öffnen können. Während der Zugfahrt wird noch das ein oder andere durchgesagt, wie in etwa, dass die Strecke jetzt komplett freigegeben wurde und wir direkt weiter ans Ziel fahren können. Allerdings würden wir auch einige unplanmäßige Zwischenstopps einlegen. Die anderen Fahrgäste freuen sich und applaudieren. Ich will hier raus!!!
Mir ist jetzt irgendwie auch schon alles egal. Ich will einfach nur noch ankommen. Ich schaue auf meine Uhr. Lange kann es jetzt nicht mehr dauern. Ich fange an zu beten. In den letzten Jahren, eigentlich noch nie, hatte ich viel Wert auf Gott oder irgendwelche Religionen gelegt. Aber waren es nicht immer Krisenzeiten, in denen Menschen unfassbares Taten und zu den extremsten Mitteln griffen, um sich ihr überleben zu sichern? Also bete ich… Bitte lieber Gott, lass mich heile und gesund auf Arbeit ankommen. Ich werde auch jeden Sonntag in die Kirche gehen und gleich, wenn ich nachher auf der Arbeit bin, der Kirche eine großzügige Spende zukommen lassen…
„Unser nächster Halt ist…“ JA! Wir haben es endlich geschafft! Ja… Ich bin da. Und mir geht’s gut. Ich lebe noch. Vielen Dank lieber Gott. Eilig schnappe ich mir meine Sachen und eile zum Ausgang.
Keine fünf Minuten später habe ich es endlich geschafft, ich habe meinen Zielbahnhof erreicht. Allerdings bin ich noch immer nicht auf Arbeit. Ich halte nach dem nächsten Bus Ausschau. Welchen Bus musste ich noch einmal nehmen und in welche Richtung? Ich klappere jeden einzelnen Aushang ab, nur um festzustellen, dass der letzte Bus gerade abgefahren ist und der nächste erst in einer halben Stunde fährt. Ich habe die Schnauze für heute beträchtlich voll. Ich schreie, laut und deutlich, aus dem tiefsten Innern meines Herzens. Die Leute um mich herum starren mich an, als ob ich verrückt wäre, aber das war mir jetzt auch egal. Ich muss meinen Frust einfach rauslassen, bevor ich noch gewalttätig werde. AAAAHHHHH!!!!!
Nicht unweit entfernt entdecke ich einen Taxistand. Ein Auto… Ich renne schon fast zum Taxi, setze mich rein, schnalle mich an, gebe die Zieladresse begannt und… wir fahren los. Blinker rechts, Blinker rechts, rote Ampel, grüne Ampel, Fußgängerüberweg, auf die Bremse treten, Gas geben… Ich kann es deutlich fühlen, wie der Taxifahrer mit dem Auto arbeitet, die einzelnen Schritte durchgeht, um das Auto durch den Verkehr zu balancieren. Ich lehne mich zurück und spüre, wie sich meine Muskeln langsam entspannten. Ich sitze endlich wieder sicher und geborgen in einem Auto. Ich schließe die Augen, mache es mir bequem und beschließe niemals, nie wieder in meinem gesamten Leben einen Zug von innen zu betrachten. Was mir bis dahin allerdings noch nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass ich auch irgendwie wieder nach Hause kommen muss.
Mit knapp 1,5 Stunden Verspätung komme ich endlich auf Arbeit an. Ich könnte den Taxifahrer umarmen, küssen, heiraten. Er ist meine Rettung. Er schaut mich verwundert an. Wenn der nur wüsste, was ich an diesem Morgen schon alles auf mich nehmen musste, um jetzt hier zu stehen. Ich bezahle ihn und begebe mich zu meinem Büro.
Den Rest des Tages verbringe ich damit, einen Kollegen ausfindig zu machen, der mich abends wieder mit nach Hause nahm. Zum Glück gibt es einige Kollegen, die täglich mit dem Auto wie ich fahren. Überglücklich verabrede ich mich mit einem Kollegen und freue mich auf den Heimweg.
Zu Hause angekommen hole ich erst einmal mein Baby ab. Die Behandlung ist doch ein wenig teurer geworden, als angenommen, aber das ist es mir wert. Nach den heutigen Erfahrungen hätte ich alles gegeben, nur damit ich wieder einen fahrbaren Untersatz hatte, mit dem ich morgen wieder zur Arbeit fahren könnte, in den ich mich reinsetzen, das Radio laut aufdrehen, mitschreien, losfahren und erholt auf Arbeit ankommen könnte…