Er legte von hinten seinen Arm um meine Taille und schmiegte sich eng an mich. „Hallo mein Engel. Ich hoffe, du hattest einen schönen Tag. Entschuldige bitte, es ist etwas später geworden.“ Keine Antwort. „Ok, dann schlaf schön!“ Seine Stimme klang glücklich und zufrieden, wie immer. Während er sprach, übte er einen kleinen, sanften Druck mit seinem Arm aus. Er küsste meinen Hals, direkt unter meinem rechten Ohr. Dann legte er sich wieder hin und fing an, ruhig und gleichmäßig zu atmen.
Ich schreckte innerlich zusammen, als er seinen Arm um mich legte und betete inständig, dass er nichts merke. Als er sich näher an mich schmiegte, wäre ich am liebsten aus dem Zimmer gerannt, weit weg, die Straße hinunter, und dann? Ein Luftzug wehte seinen Geruch in meine Richtung, als er mich küsste. Es roch vertraut, nach ihm und unserem gemeinsamen Leben. Ich schloss die Augen, um meine Tränen zurückzuhalten. ‚Ich werde ihn verlassen!’
Ich dachte an den heutigen Tag. Ich war wieder da, ich stand wieder da oben und ich schaute ihm direkt in die Augen. Dieses Mal konnte ich ihm noch widerstehen, aber wie lange noch?
Ich wollte mich nicht so von ihm trennen, ich wollte ihn verlassen, wenn noch alles in Ordnung war, es zumindest den Anschein hatte. Ich gehen konnte, ohne unangenehme Fragen beantworten zu müssen.
Ich stehe mit meinen 28 Jahren mitten im Leben. Ich habe einen sicheren Job, der mir ein gutes monatliches Einkommen verspricht, ich studiere abends an der Uni, um einen Abschluss in BWL zu machen und eines Tages die Chance zu bekommen, auf der Karriereleiter ganz nach oben zu klettern. Ich habe meine Freunde. Für Hobbies bleibt da nicht mehr viel Zeit übrig. Ich gehe tagein, tagaus zur Arbeit, danach zur Universität. An meinen freien Tag und am Wochenende lerne ich viel, die restliche Zeit bin ich alleine. Ich erlaube es niemanden, in mein vertrautes Leben einzubrechen. Könnte man doch meine kleine Welt, die ich mir aufgebaut habe, doch zu einfach zerstören. Und so verkrieche ich mich immer mehr in meine Welt. „Hast du einen Freund?“, werde ich gefragt. „Nein, habe ich nicht,“ antworte ich. „Wie denn auch? Ich hätte gar keine Zeit für ihn. So ist es besser!“ Das rede ich mir Tag für Tag ein und zergehe dabei in meiner Einsamkeit.
So lebe ich mein Leben. Stehe morgens wieder auf, um wieder zur Arbeit zu gehen, abends wieder in die Uni und dann wieder ins Bett.
Und dann kommt die Zeit, dass Prüfungen geschrieben werden. Ich kann mich kaum noch auf meinen Job konzentrieren, ich mache einen Fehler nach dem anderen, was Probleme mit meinem Chef und den Kunden nach sich zieht. Aber ich muss mich auf meine Prüfungen konzentrieren, ich muss für die Prüfungen lernen. Ich will gute Noten schreiben, ich will hier weg. Ja, ich hasse meinen Job. Wie am Fließband bearbeite ich motivationslos meine Aufgaben, hacke irgendetwas in den Computer und gehe weiter im Text, wenn das erhoffte Resultat erzielt wurde. Noch drei Tage, dann kommt die erste Prüfung von vieren. Gehe ich heute früher nach Hause oder beende ich noch die Arbeit. Mein Chef schaut schon wieder so griesgrämig. Ok, dann hänge ich lieber noch eine Stunde ran. Und wann lerne ich? Ich bin innerlich zerrüttet. Aber ich werde das schon irgendwie schaffen.
Ich verlasse den Prüfungssaal. Die gute Note kann ich mir abschminken. Wenn ich Glück habe, habe ich mit Biegen und Brechen bestanden. Am besten ich erkundige mich schon einmal nach dem Nachschreibetermin. Aber das hat auch noch Zeit. Ich fahre wieder nach Hause, um für die nächste Prüfung zu lernen, die in sieben Tagen sein wird. Es wird wieder ein Samstag sein. Ich habe noch 7 Tage zum lernen und 5 Tage zu arbeiten.
Vier Wochen später stehe ich am Abgrund meines Lebens. Nichts, alles ist schwarz. Das einzige Licht, welches ich erblicken kann, ist weit unten in der Schlucht. Um es zu erreichen, muss ich nur springen. Es strahlt Wärme und Geborgenheit aus, Liebe, nach der ich mich sehe. Was ist geschehen? Nichts. Ich habe fleißig gelernt, ich habe meine Prüfungen geschrieben, ich bin arbeiten gegangen, bis der nächste Samstag kam. Ich hatte nicht zu lernen, keine Uni, keine Arbeit, nichts zu tun. Ich stand vor den Trümmern meines Lebens. Semesterferien. Ich stand morgens auf und wusste nicht, wohin ich gehen oder was ich machen sollte. So ging ich duschen, zog mich an, frühstückte. Ich ging einkaufen. Kam zurück. Rief meine Eltern an. Wusch ab. Rief meine Freundin an. Ich ging raus. Es regnete, ich wurde pitschnass. Ich kam zurück. Es war keine Minute später als 11.43 Uhr. Den Rest des Tages schaute ich fern. Sonntag stieg ich erst gar nicht aus meinem Bett, sondern blieb den ganzen Tag liegen. Als endlich wieder Montag war, war ich überglücklich, ich konnte wieder arbeiten gehen. Der Stress ebbte ein wenig ab, aber ich merkte, dass ich bei der kleinsten Extra-Anforderung die Fassung verlor. Ich heulte wie ein kleines Kind. Ich saß auf der Arbeit und starrte Löcher in die Luft. Was machte ich hier eigentlich? War das mein Lebenssinn?
Am nächsten Samstag versuchte ich es erneut. Ich stand auf, ging duschen, frühstückte, ging einkaufen, telefonierte, machte den Haushalt und verließ meine Wohnung mit unbestimmtem Ziel. Ich wanderte durch die Strassen von Hamburg. Ich beobachtete die Menschen. Alle hasteten an mir vorbei. Sie waren auf ihrem Weg, sie hatten ein Ziel. Und ich? Wo ging ich hin? Ich hatte keine Ahnung und da kam es mir in den Sinn, zum ersten Mal wurde es mir bewusst. Ich hatte mich verloren. So wie ich ziellos durch Hamburg irrte, irrte ich durch mein Leben, Ohne Ziel. Es traf mich wie ein Zug, der in vollem Tempo auf einen Berg zurast und die Bremsen versagten. Ich hatte mich verloren und keine Ahnung, wie ich mich wieder finden sollte. Wieso machte ich dieses verdammte Studium? Ich dachte, es würde meinem Leben einen Sinn geben, aber jetzt, wo ich Ferien hatte, erschein es mir sinnlos. Was hatte ich in meinem Leben? Nichts! Die einzigen Freunde, die mir geblieben waren, hatten ihre eigenen Probleme, ihr eigenes Leben. Ich fühlte mich selten so einsam wie heute. Das Gefühl fraß mich von innen auf. Ich wollte dem ein Ende setzen. Es fühlte sich alles so sinnlos an. Wieder stand ich an diesem Punkt. Ich wollte hier nicht mehr hin, aber ich war wieder da. Ich hasste mich dafür, wer ich bin und wer ich war, ich hasste das Leben, das ich führte und meine Träume, die sich nie erfüllten, Ziele, die ich verraten hatte. Ich wollte endgültig so nicht weiterleben.
Als ich aus meinen Gedanken erwachte, fand ich mich im Hafen wieder, auf einer hohen Brücke. Unter mir die Elbe, hinter mir Hamburg, vor mir eine Zukunft, die ich nicht mehr erleben wollte. Ich fühlte mich taub. Meine Tränendrüsen waren leer geweint. Ich war am Ende und ich war damit einverstanden. Das Leben hatte mir genug Nichts geschenkt, es reichte. Ich fühlte mich innerlich tot.
Ich stieg über die Brüstung. Mittlerweile war es dunkel geworden. In der Ferne leuchtete ein Licht auf, in einem kleinen Haus. Eine Familie begab sich gerade zu Tisch. Mama hatte etwas Leckeres gekocht und füllte die Teller auf. Die Kinderaugen leuchteten. Alle sahen sich liebevoll an und reichten sich die Hände zum Abendgebet. Dann begannen sie zu essen und plapperten munter durcheinander. Selbst hier oben konnte ich die Liebe spüren. Eine Liebe, die mir verwehrt wurde. Und das brach mit endgültig das Herz. Ich wurde unheimlich wütend. Auf mich, die anderen, die Welt, Gott.
Ich schaute gen Himmel und schrie Gott an. „Wieso, wieso tust du mir das an? Wieso?“ Ich wollte doch nur geliebt werden und lieben. Wenn das zuviel verlangt war, dann wollte ich nicht mehr leben. „Hörst du mich! Ich will so nicht weiter leben. Ich kann das einfach nicht mehr. Es ist zu schwer für mich. Ich gebe auf!“
Ich schaute zur Familie, durch das kleine Fenster. Auf einmal stand der Vater auf und schaute zu mir hoch. Es war unmöglich, dass er mich aus dieser Entfernung sehen konnte, aber in seinen Augen konnte ich lesen, ‚Tu es nicht!’. Was wusste er, was wusste er schon von meinem Leben? Einen Scheiß.
Ich war fest entschlossen. Ich schloss meine Augen, holte tief Luft, atmete ein letztes Mal tief durch und holte zum Sprung aus.
„Ich war heute wieder oben!“ Nichts. „Ich wollte mich umbringen.“ Wieder nichts. Stille. „Und wieso hast du es nicht getan?“ Ich schloss meine Augen. Dieses Mal war seine Stimmte erfüllt von Angst. „Ich konnte nicht! Es war anders als beim letzten Mal.“ „Was war anders?“ „Der Mann am Fenster, er lächelte. Und als ich genauer hinschaute, konnte ich dein Gesicht sehen.“ Jetzt konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Wir hatten uns damals versprochen, immer ehrlich zueinander zu sein. Ich musste es ihm sagen. „Ich werde dich verlassen.“ Ich liebte ihn. Das spürte ich tief in meinem Herzen. Aber ich habe erkennen müssen, dass auch Liebe mir nicht weiter geholfen hat. Ich fühlte mich immer noch leer. Anfangs konnte seine Liebe diese Leere füllen. Ich war wieder glücklich und konnte mir nicht vorstellen, wieder an diesen Punkt zu geraten, aber da war ich wieder. Das Gefühl völlig verloren zu sein, war wieder zurückgekehrt. Es schlich sich langsam ein. Mit jedem Tag der in den letzten zwei Jahren vorüber ging. Bis ich es nicht mehr ignorieren konnte.
Ich spürte, wie er nach Worten rang. Was sollte er sagen? „Wieso? Was ist los? Warum auf einmal? Was ist passiert?“ Wenn ich das nur wüsste, wie sollte ich ihm das erklären? „Schau mich an!“ Ich wollte ihm jetzt nicht in die Augen sehen. „Verdammt, schau mich an!“ Er hatte mich bis heute nie angeschrieen. Nie war er aus seiner Haut gefahren, wenn ich bei ihm war. Er war immer der Starke, der ruhige Pol. Wenn meine Welt unterging, war er mein Anker. Und jetzt verlor er die Fassung und schrie mich an.
Ich wollte springen, aber etwas hielt mich fest. Ich versuchte es erneut, dieses Mal mit mehr Kraft, aber ich kam nicht von der Stelle. Ich versuchte mich los zu reißen. Ich fing an zu schreien, so laut ich konnte. „Wieso willst du mich nicht gehen lassen? Lass mich los. Ich kann nicht mehr!“ Ich schrie und betete für meinen Tod. Ich versuchte fester, mich zu befreien. Ich rang und kämpfte. Aber Gott war stärker. Und meine Kräfte ließen schnell nach. Ich sank erschöpft zu Boden und schloss meine Augen.
Als ich sie wieder öffnete, befand ich mich in einem Zimmer, das ich nicht kannte. Wo war ich? Sah so der Himmel aus? Die Hölle? Draußen war es dunkel. Der Mond schien durch das Fenster herein. Er war fast gefüllt. Viele dunkle Flecken besiedelten seine helle Oberfläche. Sie ließen ihn dreckig und fehlerhaft erscheinen. Aber wie er mich so durch das Fenster ansah, sah er einfach nur wunderschön aus. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Er faszinierte mich. Mich überkam ein Gefühl von unendlicher Freude, dass ich mir den Mond anschauen durfte, dass ich seine Kraft spüren konnte, dass ich seine Energie in mir spüren konnte, dass ich am Leben war. Ich war glücklich. Es war ein Gefühl, dass ich seit langem nicht mehr in mir gespürt habe. Es fühlte sich gut an. Es brachte mich benahe zum Lächeln.
In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür. Ein heller Strahl fiel in das Zimmer. Ein Mann kam herein, mit einer Tasse in seinen Händen. Er kam zu mir ans Bett. Als er sah, dass ich wach war, fing er an zu lächeln. Es war, als ob die Sonne vor meinen Augen aufging. Seine blauen Augen leuchteten, seine Nase tanzte, seine Mundwinkel zogen sich weit zu den Ohren hoch und ließen strahlend weiße Zähne zum Vorschein kommen. Er hob seine Hand in Richtung meiner Schulter und berührte sie leicht. „Hey, du bist aufgewacht! Ich habe dir einen Tee gemacht.“ Als ich mich aufrichten wollte, drückte er mich sanft wieder runter. „Nein, bleib ruhig liegen. Ich stelle dir die Tasse hier auf den Tisch. Schlaf dich erst einmal aus!“ Er stellte die Tasse auf den Nachttisch und verschwand wieder.
Ich war wieder allein. Und ich war unheimlich müde. Ich schloss wieder meine Augen und schlief ein.
„Was ist heute passiert? Wieso willst du mich verlassen?“ Er klang beunruhigt. „Ich kann nicht bei dir bleiben. Ich mache dich unglücklich.“ Die Stärke, die ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte, war an diesem Tag über die Brüstung gegangen und gesprungen. Und hat mich hier zurückgelassen.