Date: September 18th, 2008
Cate: Rohmaterial
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blicke

Du bemerkst sie gar nicht. Auf einer Straße voller Menschen siehst du sie gar nicht. Sie fällt dir nie auf. Sie geht ihren Weg, unbemerkt und alleine. Die Großstadt ist der beste Ort, um alleine zu sein. Niemand kümmert sich um dich. Du läufst durch die Strassen und in deinem Kopf rattern Zeugenaussagen und Paragraphen. Du schaust nicht auf und überlegst, wie du am besten den nächsten Fall gewinnen kannst. Du wärst fast über sie hinweg gelaufen. Sie fällt nicht auf. Sie ist unscheinbar. Ihr stoßt zusammen und du bist wütend.
Was macht diese Frau hier. Wieso steht sie dir im Weg. So gehst du durch dein Leben, ohne die Frage wie, gehst du einfach voran. Dabei sind dir Menschen völlig egal. Für dich zählt nur der Erfolg, das Geld und die Macht. Und hier ist diese Frau, die es doch tatsächlich traut, sich dir in den Weg zu stellen.
Dumme Kuh, hörst du dich sagen. Und sie steht einfach nur da und macht nichts. Sie rührt sich nicht und schaut dich an. Sie verzieht keine Miene. Dein innerer Groll verstärkt sich. Was willst du?
Und dann verselbstständigen sich ihre Gesichtszüge. Sie zieht ihre Mundwinkel bis ans Äußerste an, sie öffnet leicht die Lippen, voll und weich und ihre Zähne kommen zum Vorschein. Du blickst in ihre Augen und tauchst ein, in ein blaues Meer. Dieser Blick, er lässt dich nicht mehr los. Das Strahlen ihres Gesichtes wird durch nichts gemindert. Was ist das in deinem Magen, was du da spürst? Du fühlst, als ob du dich übergeben musst. Was ist los? Was wollte ich gerade noch tun? Du kannst dich aufs Verrecken nicht mehr dran erinnern.
Entschuldigen Sie bitte, hörst du dieses Engelswesen sagen. Wo kam das jetzt her. Diese zarte, helle Stimme. Bitte sag noch etwas. Hör nicht auf zu reden. Was ist das. Erzähl mehr. Du fühlst dich abhängig von dieser Stimme. Bettelnd blickst du in den Himmel, dass du sie noch mal hören willst.
Ist alles ok mit Ihnen? Da war sie wieder. Ok? Ja, ich denke schon? Reden, wie ging das gleich noch, Mund öffnen und schließen und dann kommt da schon was raus! Du merkst, wie du den Mund öffnest und schließt, aber da will kein Ton rauskommen.
Hallo, alles ok? Hallo, sie da…
Ähm ja alles ok, hörst du dich endlich sagen. Gott sei dank, denkst du. Ich kann es noch. So langsam klären sich deine Gedanken wieder und du kommst zur Besinnung. Was war das eben? Und du schaust, wieder in diese Augen und beginnst dich wieder zu verlieren, als eine schrecklich, krächzende Stimme dich aus deinem Traum reißt.
Was ist eigentlich mit Ihnen los, haben sie keine Augen im Kopf? Das arme Ding einfach zu umzulaufen und dann auch noch so grob daher zu reden. Was denken sie denn, wer sie sind? Und da kommt es dir wieder in den Sinn. Du warst auf dem Weg zur Kanzlei, als das Schicksal dir einen Strich durch die Rechnung machte und du dich das erste Mal in deinem Leben verliebt hast. Jetzt endlich schaffst es auch du endlich mal zu lächeln. Du drehst dich wieder dem Engel zu.
Entschuldige bitte. Das war ziemlich unhöflich. Darf ich dich als Entschuldignung auf einen Kaffee einladen?…

Wie jeden Morgen nimmst du den gleichen Weg zur Arbeit. Die Hauptstrasse hinunter bis zur großen Ampel. Je weiter du dich der Kreuzung näherst, umso mehr Menschen umringen dich. Bis du nur noch einer von vielen bist. Du tauchst ab in die Unbekanntheit der Großstadt. Grün und die Traube bewegt sich über die Strasse nach vorne. Und da erblickst du ihn wieder. Auf der anderen Straßenseite. Groß, blond, gut aussehend. Er hat wieder seinen guten Anzug an und die gestreifte Krawatte. In diesem Outfit gefällt er dir am besten. Wie jeden Morgen scheint er in einer anderen Welt zu existieren. Er bewegt sich ohne Anstrengung durch die Menge. Seit vier Monaten siehst du ihn jeden Morgen deinen Weg kreuzen. Bemerkt hat er dich nie und wird er auch nicht. Aber jeden Morgen, wenn er an dir vorbeieilt, wünschst du dir, dass er doch einmal aufschauen und dich anlächeln würde. Einmal hast du ihn lächeln gesehen, wie er eine blonde Frau mit Modelmaßen angelächelt hat. Seither nie wieder. Du verlierst dich in diesen Gedanken nach dem Lächeln, bis du von einem großen Stoß, Rütteln aus deinen Träumen gerissen wirst.
Was machen sie hier. Wieso stehen sie mir im Weg. Dumme Kuh. Du schaust auf und erblickst ihn. Du bist gerade mit Ihm zusammengestoßen. Dein Gesicht verselbstständigt sich und fängt an zu lächeln. Du hast das Gefühl rot zu werden und würdest am liebsten im Erdboden versinken.
Entschuldigen sie bitte, hörst du dich sagen. Und du stehst ihm immer noch gegenüber. Du schaust dich um, hinter welcher Ecke du als nächstes verschwinden kannst. Dann schaust du noch mal hoch und kannst es gar nicht fassen, er steht da vor dir und schaut dich an. Bittend schickst du ein Gebet gen Himmel nach nur einem Lächeln von ihm. Aber er schaut nur ziemlich verstört drein.
Ist alles ok mit ihnen? Fragst du ihn. Du siehst wie er seine Lippen auf und ab bewegt. Fast kommt es dir vor, als ob er sich lustig über dich macht und ein wenig verärgert fragst du noch einmal nach.
Hallo, alles ok? Hallo, sie da?
Ähm ja alles ok stammelt er hervor. Du schaust ihm in die Augen und hast das Gefühl weg zu gleiten. Weit weg. Bis eine schrecklich, krächzende Stimme dich aus deinem Traum reißt.
Was ist eigentlich mit Ihnen los, haben sie keine Augen im Kopf? Das arme Ding einfach zu umzulaufen und dann auch noch so grob daher zu reden. Was denken sie denn, wer sie sind? Du schaust ihn wieder an. Da ist es endlich. Das lang ersehnte Lächeln. Wundervoll und Atemberaubend.
Entschuldige bitte. Das war ziemlich unhöflich. Darf ich dich als Entschuldigung auf einen Kaffee einladen?…

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